Mr. Pao von der Strasse

bildschirmfoto-2016-12-23-um-18-39-02

Die Gassen führen wie in einem Labyrinth durch die Häuserzeilen. Wer Stone Town auf Sansibar zum ersten Mal besucht, der denkt, dass er nie mehr aus dem Häuserwirrwar hinausfindet. Zu Beginn scheinen alle die grauen und weissen Mauern gleich auszusehen. Nur mit der Zeit lernt man sich an den Details zu orientieren. Ein Plakat aus weissem Papier, direkt an die Wand gekleistert, die besonders schöne Holztüre eines Hauses, der Verkäufer mit seinem Handkarren voller Äpfel, der immer an der gleichen Ecke steht oder die Moschee hinter der nächsten Biegung. Sich in Stone Town zu verlieren ist allerdings nicht weiter schlimm. Die Gegend gilt als sicher und jede oder jeder, den man nach dem Weg fragt ist freundlich genug weiter zu helfen. Zudem macht es riesen Spass sich in den Strässchen treiben zu lassen. Wir treffen auf Männer gekleidet in die Kanzu, die langen weissen Gewänder der Muslime, auf Frauen in farbigen afrikanischen Gewändern, Kinder auf Fahrräder, jungen Männern mit ihren Mofas und hunderte von Katzen. Überall hat es Läden, die ihre Waren auf den kleinen Hausvorsprüngen, die oft als eine Art Bänkchen dienen, ausgebreite haben. Von Tierfellen, über Computer bis hin zu Nüssen, Stoff oder Plastikschüsseln— hier ist alles zu finden. Und umso näher man dem Hafen und den Forodhani Gärten kommt, umso mehr Souvenirshops säumen die Gassen.

bildschirmfoto-2016-12-23-um-18-39-24

Unangenehmer Händedruck – guter Eindruck
Es war nach fast einer Woche in Stone Town, als wir uns beim Eindunkeln auf dem Weg zu den Forodhani Gärten machen, um uns dort einmal mehr an den unzähligen Essensständen den Bauch voll zu schlagen. Als wir in die Gasse einbiegen, die direkt zum Park am Ufer führt, winkt uns jemand entgegen. Wir erkennen das Gesicht des Mannes, den wir ein paar Tage zuvor zum ersten Mal getroffen haben. Ein stadtbekannter Alkoholiker. Jetzt kommt Pau direkt und mit einem müden Lachen im Gesicht auf uns zu, streckte uns seine Hand entgegen. „Hello my friend!“, wir schüttelten seine Hand und ich bereue es, als ich seine nasse Hand in der meinen spüre. Ich hoffte es ist bloss Alkohol, der soll ja bekanntlich desinfizieren.
In makellosem Englisch spricht der nach Schweiss riechende Alki höflich mit uns und schlägt so das erste Vorurteil in die Flucht. Dann fragt er was wir vorhaben.
„Wir wollen runter zum Markt, um da was zu essen“, antwortet Dylan und der Mann schüttelte sofort den Kopf. „Dort ist das Essen nicht frisch, die Sachen sind aufgetaut, nicht frisch! Da werdet ihr Bauchschmerzen bekommen.“ Er verzieht sein Gesicht und reibt sich den Bauch, als ob er Schmerzen hätte.
„Ich kenne ein besseres Restaurant, da drüben, kommt mit“, sagt er und will schon losmarschieren. Da wir aber bereits ein paar Abende zuvor an einem der unzähligen Essenständen gegessen haben, intervenieren wir.
„Nein, nein, wir wollen nicht viel Geld ausgeben. Wir wollen zum Markt, da ist es gut und günstig.“
„Günstig? Dann gehen wir besser zu Lukmaan. Da gibt es günstiges Essen.“
Lukmaan ist bereits nach den ersten paar Tagen zu unserer Stammkneipe geworden. Hier bekommt man für wenig Geld gutes lokales Essen und es hat den Vorteil, dass man am Buffet einfach mit dem Finger auf das zeigt, was man essen möchte. Ein toller Ort, aber heute Abend wollen wir was Anderes und halten, trotz den Wahrungen des alten Mannes, an unserem Plan fest. Als er merkte, dass wir unbedingt zum Markt wollten, lenkte er ein.

„Ok, dann zeige ich Euch die Stände, die frisches Essen kochen. Es gibt drei Stände, die sind gut. Alle anderen sind nicht gut. Let’s go!“

Fotobombed: Als wir Pao zum ersten Mal traffen, stand er plötzlich einfach im Bild.

Vertrauen aufs Bauchgefühl
Und schon marschiert er voraus, der betrunkene Mann, in schäbigen Kleider und alten Plastiksandalen, mit einem leicht wankenden Gang. Es sind diese Begegnungen von denen man als Reisender immer wieder gewarnt wird. Aber bevor wir überhaupt Zeit zum Nachdenken haben, laufen wir hinter dem bis anhin freundlichen Mann her. Unser Instinkt sagt uns, dass alles gut ist. Sobald wir zur Hauptstrasse kommen, hebt Pao warnend seine Hand. „Be careful. Be careful!“ ruft er und lotst uns sicher über die Strasse. Dann marschiert er zielstrebig über den Markt, schaut weder links noch rechts.

Ihm (und uns) folgen von überall her lachende Blicke, ausrufe aus Swahili, die wir nicht verstehen, dann laufen Kinder hinter ihm her, kneifen ihn in die Seite und rennen lachend davon. Während es uns irritiert wie er behandelt wird, bewegt er sich weiter zielstrebig durch die rollenden Augen und hämischen Grimassen hindurch und hält erst, als er vor einem der Stände steht, welcher laut seinen Angaben sicher für unsere Mägen ist.
Ich dachte gerade noch, dass er jetzt sehr wahrscheinlich vom Standbesitzer einen Batzen Geld erhalten wird, aber die Köche, die mit ihren ordentlich weissen Mützen dahinter stehen, behandelten ihn abschätzig und eher bedrohlich, während er nett bleibt und für uns noch einmal wiederholt, dass das Essen hier gut sei für uns „Mzungu“, Ausländer. Vourteil zwei zieht den Schwanz ein und duckt sich zwischen die Katzen, die unter dem Tisch sitzen und auf einen Happen Fisch hoffen, um sich dann beschämt davonzuschleichen.
Der Essensstand ist mit kleinen Kerosinlampen beleuchtet und wir wählen zwischen Tintenfische, Krebsen und Garnelen ein paar Hähnchenspiesse aus, lassen sie auf dem Grill heiss machen, dazu packen sie uns jedem eine Portion Pommes ein. Auch für Pao, den wir dazu überreden müssen auch etwas für sich auszuwählen.

Vorurteil widerlegt
Unser Freund weicht auch nicht von unserer Seite, als wir uns zum Essen an einen der Tische setzen. Er warte auf uns und werde uns dann nach Hause begleiten, kein Problem. Wir versicherten ihm, dass es nicht nötig sei. Er aber bleibt hartnäckig.
Dylan bestellt ein Dosengetränkt und der Kellner verlangt dafür 1’500 Shilling (rund 75 Rappen). Sofort beginnt Pao in seiner Landessprache auf den Kellner einzureden; lautstark und genervt. Dann übersetzt er, dass normalerweise ein Dosengetränk nur 1’000 Shilling kostet. „Eine Frechheit! Die bescheissen Euch, dies gefällt mir gar nicht.“ Es dauerte ein paar Sekunden und schon mischt sich ein gut gekleideter, runder Herr vom Nebentisch ein.
„Wir wollen Ordnung haben hier! Hier wird nicht so herumgeschrien“, sagt er und Pao duckte sich, sobald er die bestimmenden Worte vernimmt. Seine Körperhaltung drückte aus, dass er unmissverständlich der Unterlegene ist.
„Er ist ein Unruhestifter. Belästigt er Euch?“
„Nein, er ist mit uns da”, antworteten wir und fragen uns, wie gut es um die Ordnung bestellt ist, wenn wir von den reichen Restaurantbesitzer um den Preis beschissen werden, während sich ein Bettler für Gerechtigkeit einsetzt?
Pao wird während dessen immer wieder von Kindern begrabscht, die ihn als einzige Witzfigur sehen und auch andere Einheimische werfen offensichtlich abschätzige Kommentare und Witze nach ihm. Wir fragen warum sie dies tun und er antwortet sanft: „Kein Problem, sie sind meine Freunde. Wirklich!“

Wie er uns da gegenüber im Plastikstuhl sitzt, fallen seine Augen immer wieder zu.
„Du kannst nach Hause gehen und schlafen, wir finden den Weg zurück“, offerieren wir ihm mehrmals, doch er bleibt stur. Er werde uns sicher nach Hause bringen. Was er zum Schluss auch tut. Dies erst nachdem er uns erzählt hat, dass er früher als Touristenführer gearbeitet hat, nebst Englisch auch Deutsch, Spanisch und Italienisch spricht und jetzt im Alter von 50 Jahren leider zu viel Alkohol trinkt. Er zuckt mit den Achseln. „Ich habe eine Frau und fünf Kinder, wir können nachher bei meinem Sohn vorbeigehen. Er hat ein Taxi. Braucht ihr ein Taxi?“
Wir sind froh zu hören, dass er eine Familie hat, wie häufig er aber tatsächlich noch zu Hause vorbeischaut, bleibt sein Geheimnis. Dafür hat er uns einmal mehr daran erinnert, dass wir andere Menschen nicht nach ihrem Äusseren beurteilen sollten und dass Vorurteile einzig dazu existieren, widerlegt zu werden. Danke Mister Pao!

Heiss Wasser!

bildschirmfoto-2016-12-19-um-18-55-36

„Zkzkzkzkzk,“ das Geräusch eines Tasers sprang uns entgegen als wir die Türe öffneten. Ich sah Handgranaten, neben Pistolen und Messern. Die Frau hinter der Ladentheke lächelte mich entspannt an, während sie per Knopfdruck ausprobierte, ob die Geräte auch wirklich funktionieren. Es zischte erneut und ich wandte mich irritiert wieder dem Herrn zu, der uns ins Innere des Geschäftes geführt hatte und der nun unter dem Regal etwas hervor kramte. Wir waren in Südfrankreich und hatten spontan angehalten, als wir die Aluminiumkisten und Gefässe vor dem Laden erblickten. Für unsere Warmwasserdusche waren wir immer noch auf der Suche nach einem passenden Kanister. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, da der Wassertank, versehen mit zwei Heizröhren, in die Seitenbox von Foxy, unserem VW Bus, eingebaut werden sollte und somit maximal 20 cm breit sein sollte. Dylan will, dass sich das Wasser künftig während des Fahrens durch das Kühlwasser vom Motor aufheizt. Bis anhin hatten wir das Wasser zuerst auf unserem Gaskocher heiss machen und dann in einen Kanister einfüllen müssen, um zu duschen.

Häufig gefragt
„Ihr seht ja gar nicht aus, als würdet ihr im Bus wohnen,“ begrüsste uns eine Freundin vor ein paar Monaten, als wir vor ihrer Haustüre standen. „So sauber und frisch angezogen,“ beantworte sie unser Stirnrunzeln. Hygiene ist für uns auch im Bus selbstverständlich, für viele scheint es aber ein grosses Fragezeichen. Wie duscht ihr? Wo geht ihr aufs Klo?
Wenn wir unterwegs sind, dann gehen wir da aufs WC, wo alle anderen Reisenden auch: in Autobahnraststätten, Cafés, Restaurants. Sind wir irgendwo stationär, so wie neulich im ländlichen Spanien, wo die Temperaturen immer noch bei angenehmen 23 Grad liegen, dann geht es mit Schaufel bewaffnet so weit wie möglich in den Wald. Wichtigstes Gebot für uns ist es keine Spuren zu hinterlassen. Weder Abfall noch sonst was liegen zu lassen. Und Duschen tun wir in der Regel direkt hinter Foxy. Jeden Abend, immer warm und mit biologisch abbaubarem Duschmittel. Ist das Wetter zu kalt, leisten wir uns einen Eintritt in einen Sportkomplex, um dort zu duschen.

Mc Gyver in Aktion
Der Militärshop in Frankreich hatte tatsächlich einen 15 Liter Kanister, der in Foxys Seitenbox passt. Auf dem Weg weiter in den Süden hielten wir immer wieder nach Werkstätten Ausschau, die den Tank so modifizieren konnten, wie Dylan sich dies ausgedacht hatte. Wir stoppten in unzähligen „ferreterías“ – Eisenwarenhandlungen – und kauften weitere Teile dazu. Wir fanden überall helfende Menschen, die, wenn sie nicht hatten was wir suchten, einen Plan zeichneten, damit wir im nächsten Dorf weiter kamen mit unserem Heisswasser-Projekt. Schliesslich fanden wir sogar eine Schlosserei die Alu verarbeitet und innerhalb eines halben Tages zwei Röhren in den Tank einschweisste, damit diese fortan als Heizröhren dienen.
Foxy war, als wir in kauften, ein ganz normaler Passagier-Bus. Mittlerweile hat Dylan, ich nenne ihn bereits Mc Gyver, aus Foxy ein kleines Universum gebaut. Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen. Unter dem Bett sind 600 Liter Stauraum für Kleider, Küche und Arbeitsequipment, wir haben einen Kühlschrank, einen Backofen und mehr als 50 Liter Wasser. Seit neustem eben auch Heisswasser. Gestern hat Dylan die Röhren, die nun links und rechts aus dem Tank schauen, mit dem Kühlwassersystem von Foxy verbunden und den Tank eingebaut. Dann haben wir eine Testfahrt gemacht. 16 Kilometer reichen aus, damit das Wasser so heiss wird, um angenehm duschen zu können. Dazu spannen wir hinter Foxy unser (natürlich ebenfalls selbstgebautes) Zelt um die Heckklappe, stecken die kleine Pumpe, die mit der Kraft der Autobatterie Wasser durch den Duschkopf pumpt, in den Heisswassertank und voilà, schon ist der Zauber vollbracht. Heisses Wasser! Wir freuen uns darüber wie kleine Kinder über Geburtstagsgeschenke. Oder wie Dylan es heute Morgen beim Frühstück ausdrückte: „Wir haben vieles aufgegeben, aber es misst sich nicht mit dem Glück hier in der Sonne zu sitzen und dem Vogelgezwitscher zu lauschen.“

Sommerabend am See – Nordnorwegen

13908829_10154267268200767_4221420449533684533_o

Zuerst das spröde Knacken von trockenem Holz, wenig später brechen die Poren der Stöcke und Äste unter der Hitze des Feuers auf. Der Wind jagt die Flammen in alle Richtungen und auf dem eben noch flachen See entstehen nach und nach Wellen. Leise bewegen sie unter Wasser die Steine. Sie rollen aufeinander hin und her und singen so ein Lied für uns. Wir sitzen am Feuer und wärmen uns auf, kochen Tee und werden vom wilden Wind abwechselnd in Rauch gehüllt. Auf den Bergkuppen am anderen Seeufer, unweit von uns, liegt immer noch Schnee, die Tage bis zum Winter sind schnell gezählt. Sehr wahrscheinlich bleiben die weissen Flecken liegen. Harren aus, bis sie sich mit den neuen Schneekristallen wieder zu einer Fläche vereinen können, die wie eine samtene Decke den ganzen Berg überdecken wird. Dann werden auch die Wellen erstarren und der Wind wird über den zugefrorenen See fegen. Wie ein Schneebesen wird er die Fläche sauber halten, wird das spärliche Licht durchs Eis schimmern lassen.

Noch aber ist Sommer und der Himmel verdunkelt sich nicht. Bis heute habe ich immer nur daran gedacht, wie ermüdend es sein muss hier im nordischen Winter für so lange Zeit die Sonne nicht zu Gesicht zu bekommen, sich nicht an ihrer Energie auftanken zu können. Heute aber fragte ich mich, ob die Menschen hier oben im Sommer nicht auch die Sterne vermissen?

Ich vermisse die Sterne am Himmel, mit ihnen die Dunkelheit, die sie erleuchten lässt. Auch weil die nie endenden Tage und kurzen Dunkelphasen – Nacht wäre ein zu übertriebener Begriff – nicht genügend Zeit lassen uns von der Schönheit der überwältigenden Natur zu erholen. Der Schlaf ist leicht und die Träume sind häufig und wirr, als würden die Bergtrolle und Fjordzwerge sie vom Dach unseres Busses durch kleine Ritzen in unseren Schlaf streuen. Die unzusammenhängenden Stränge der Geschichten kommen daher, dass einige der Traumkörner in den Ritzen hängen bleiben. Vielleicht fallen sie in der nächsten Nacht herunter und verweben sich zu neue Geschichten.

Hier in Nordnorwegen hat es viel mehr Natur als Menschen. Die Weite, sie lässt Platz, nicht nur für Elche, Wölfe und Bäume. Sie lässt auch Platz für Trolle und Zwerge. Sie sind überall, man muss sie bloss sehen wollen. Schwieriger wird es mit den Menschen. Wir vermissen sie fast etwas. Denn da wo sie sind, ist normalerweis auch Fröhlichkeit, ist Freundschaft und Wärme. Jetzt wärmt die Tasse meine Hände, der Tee schmeckt rauchig, nach Feuer und Holz. „So wie früher,” sagt mein Mann. „So wie damals bei meiner Mutter.“ Wir sitzen am See und es überkommt uns das Gefühl, den ganzen See, die Berge alles für uns alleine zu haben.

Neulich dachten wir uns, dass wir in einer Bäckerei frühstücken sollten, um uns unter die Menschen zu mischen, Gespräche zu beginnen. Kaffee trinken würden ja sicherlich auch die Skandinavier. Als wir bestellt hatten, realisierten wir, dass kein einziger anderer Kunde in der Cafeteria sass. Morgens um 9 Uhr. Vielleicht ist es ja genau die Einsamkeit, die die Kultur hier oben ausmacht. Dann fuhren wir weiter, hinaus in den Wald, trafen Rentiere und Bäume. Und noch mehr Bäume. Dazwischen vereinzelte Häuser. Die Ortstafel meist grösser als die Ortschaft. Wie lebt es sich in der Einsamkeit? Warum lebt man hier Draussen, so weit weg von allem? Sind sie auch einsam die Nordländer? Oder brauchen sie das Alleinsein? Vielleicht finden wir mal noch einen, den wir dies fragen können.

Das Feuer ist aus. Die Augen sind müde und die Trolle klopfen bereits ungeduldig aufs Dach. Sie wollen ihre Arbeit verrichten. Wenn ich mich anstrenge, dann sehe ich den feinen Staub ihrer (oder meiner?) Träume bereits in der Luft tanzen. Er kitzelt mich in der Nase und lässt mich an anderen Seeufer, da wo der Fels in Wald übergeht, einen Elch erblicken. Oder ist es ein Einhorn? Die Vorstellung trägt mich in den Schlaf. Ich höre noch die tapsenden Füsse der Trolle. Sie entfernen sich fröhlich pfeifend, rutschen mit einem Jauchzen über die Frontscheibe hinunter, kullern durchs weiche Moos zurück in ihre Welt.

Irgendwo in Südschweden

dylanochstanleySMALL

Von drinnen höre ich Schritte und noch bevor die Türe geöffnet wird, vernehme ich eine fröhliche Stimme. „Ja, ihr seid richtig hier!“, dann geht die Türe und mit ihr die Sonne auf. Ich erblicke eine kleine Frau mit grauen Haaren und einem umso grösseren Strahlen im Gesicht. Sie hat vor lauter Freude beide Arme erhoben, ruft „Välkommen!“ und umarmt mich bevor ich etwas Anderes tun kann als ihr entgegen zu lachen. Dylan fährt Foxy, unsere VW Bus, auf den Platz vor das kleine weisse Holzhaus und steigt aus. Auch er erhält dieselbe, herzliche Begrüssung von Brigitta. Mittlerweile ist Stanley im Türrahmen erschienen. Auch er heisst uns bei Ihnen in Hållanda herzlich willkommen. Wir sind in Südschweden, in einem winzig kleinen Dorf. Ein paar charmante Holzhäuser im Wald, mehr nicht. Gestern Abend hätten die Elche die Äpfel von ihren Bäumen gefressen, erzählt Brigitta beim Abendessen, welches wir einnehmen während sie Blaubeeren sortiert und einfriert. „Für den Winter, für Stanley.“
Ihr Mann, soviel haben wir bereits mitbekommen, hat es gerne etwas strukturiert. Jeden Abend geht er pünktlich um 20.30 Uhr zu Bett. Daher hatte sie uns gebeten doch möglichst nicht zu spät zu kommen, als wir am Vortag anriefen und uns ankündigten.

Es ist ungefähr viertel nach Acht, als Dylan nach den beiden alten Volvos fragt, die draussen in einem Schuppen stehen. Der eine sei seiner Frau, der andere, der leider gerade kaputt sei, sei seiner. Jahrgang 1983. Er habe ihn damals in England gekauft und damit sogar seine tote Mutter in ihre Heimat zurückgefahren. Wie er erzählt, merken wir, dass ihm das Auto viel bedeutet. „Er ist kaputt? Was ist das Problem damit?“
Wenig später verschwinden die beiden Männer nach draussen. Dylan will versuchen den Schaden zu beheben. Da Stanley das Auto in England gekauft hatte, findet er hier in Schweden kein passendes Ersatzteil, was ihm bereits seit ein paar Wochen Sorgen bereitet. Ich helfe Brigitta, trotz anfänglicher Wiederrede ihrerseits, Beeren zu sortieren. Als ich den ersten Eimer fertig habe, kommt sie in Fahrt: „Hier ist noch mehr Arbeit für dich“, lacht sie und stellt eine Schüssel voller Chruselbeeren vor mich hin.

Unterdessen kommt Stanley alle paar Minuten zurück in die Küche, seine Holzschuhe künden ihn immer bereits im Voraus an. „Dylan braucht Stahlwolle.“ „Dylan braucht Schrauben.“ Diesmal sucht er nach einem Verlängerungskabel und der Bormaschine. Brigitta und ich stehen am Fenster und beobachten die Männer, es ist schon fast zehn Uhr abends. Da wir im Norden sind aber immer noch hell. „Ich dachte Stanley geht immer um 8.30 zu Bett,“ sage ich und will fortfahren, da klopft sie mir kräftig auf den Arm und sagt: „Schau! Heute ist er überhaupt nicht müde. Heute ist er fit und jung! Schau, wie er sich freut!“ Und tatsächlich die Augen ihres Mannes lachen und der sechsundsiebzig Jährige hat einen so verschmitzten, fröhlichen Ausdruck, wie ein kleiner Junge, der gerade Fahrradfahrend gelernt hat.

„Stanley, ist das Auto wirklich geflickt?“ fragt Brigitta als die beiden Männer wieder in die Küche kommen und Dylan zum Händewaschen im Badezimmer verschwunden ist. Auf dem Tisch steht frisch gebrühter Tee. „Ja Darling! Er hat das Auto geflickt, kannst Du dir das vorstellen! Er hat unser Problem gelöst!“ So viel ehrliche Freude, so viel Zuneigung und Humor fliegt zwischen den beiden hin und her. Es ist bezaubernd sie zu beobachten. Dann wendet sich Brigitta wieder an uns. „Ich habe heute, bevor ihre gekommen seid, zu Stanley gesagt: Koch etwas für die beiden es könnte sein, dass sie Engel sind.“ Sie schüttelt den Kopf und sagt immer wieder „This is a miraaakle“ halb englisch, halb schwedisch. Wir sind berührt und beschwingt als wir an diesem Abend vor ihrem kleinen Holzhaus in Foxy unser Bett beziehen. Die Uhr zeigt 23:30.

Oft hat das Leben auf der Strasse solche unerwarteten Begegnungen bereit. Mein Mann hatte Brigitta vor sechs Jahren auf seiner Weltreise kennengelernt. Er war in Äthiopien und lag mit einer schlimmen Lebensmittelvergiftung im Bett. Die alte Frau, die ein paar Zimmer weiter wohnte, hatte die ganze Nacht seine Hand gehalten, als er sich vor Schmerzen gewunden hat. „Stundenlang habe ich damals für dich gebetet! Weißt du das noch?“ Er kann sich nur noch schemenhaft daran erinnern. „Aber ich war so dankbar, dass jemand da war! Zum Glück war es auf dieser Reise das einzige Mal, wo ich wirklich krank war. Kannst du dir das vorstellen? Dreieinhalb Jahre unterwegs und danach nie mehr krank!“ Brigittas fröhliche, aber ernst gemeinte Antwort darauf lässt keine Wiederrede zu: „Siehst du! Ich habe damals so viel für deine Gesundheit gebetet, dass es ganze drei Jahre gereicht hat!“