Mr. Pao von der Strasse

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Die Gassen führen wie in einem Labyrinth durch die Häuserzeilen. Wer Stone Town auf Sansibar zum ersten Mal besucht, der denkt, dass er nie mehr aus dem Häuserwirrwar hinausfindet. Zu Beginn scheinen alle die grauen und weissen Mauern gleich auszusehen. Nur mit der Zeit lernt man sich an den Details zu orientieren. Ein Plakat aus weissem Papier, direkt an die Wand gekleistert, die besonders schöne Holztüre eines Hauses, der Verkäufer mit seinem Handkarren voller Äpfel, der immer an der gleichen Ecke steht oder die Moschee hinter der nächsten Biegung. Sich in Stone Town zu verlieren ist allerdings nicht weiter schlimm. Die Gegend gilt als sicher und jede oder jeder, den man nach dem Weg fragt ist freundlich genug weiter zu helfen. Zudem macht es riesen Spass sich in den Strässchen treiben zu lassen. Wir treffen auf Männer gekleidet in die Kanzu, die langen weissen Gewänder der Muslime, auf Frauen in farbigen afrikanischen Gewändern, Kinder auf Fahrräder, jungen Männern mit ihren Mofas und hunderte von Katzen. Überall hat es Läden, die ihre Waren auf den kleinen Hausvorsprüngen, die oft als eine Art Bänkchen dienen, ausgebreite haben. Von Tierfellen, über Computer bis hin zu Nüssen, Stoff oder Plastikschüsseln— hier ist alles zu finden. Und umso näher man dem Hafen und den Forodhani Gärten kommt, umso mehr Souvenirshops säumen die Gassen.

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Unangenehmer Händedruck – guter Eindruck
Es war nach fast einer Woche in Stone Town, als wir uns beim Eindunkeln auf dem Weg zu den Forodhani Gärten machen, um uns dort einmal mehr an den unzähligen Essensständen den Bauch voll zu schlagen. Als wir in die Gasse einbiegen, die direkt zum Park am Ufer führt, winkt uns jemand entgegen. Wir erkennen das Gesicht des Mannes, den wir ein paar Tage zuvor zum ersten Mal getroffen haben. Ein stadtbekannter Alkoholiker. Jetzt kommt Pau direkt und mit einem müden Lachen im Gesicht auf uns zu, streckte uns seine Hand entgegen. „Hello my friend!“, wir schüttelten seine Hand und ich bereue es, als ich seine nasse Hand in der meinen spüre. Ich hoffte es ist bloss Alkohol, der soll ja bekanntlich desinfizieren.
In makellosem Englisch spricht der nach Schweiss riechende Alki höflich mit uns und schlägt so das erste Vorurteil in die Flucht. Dann fragt er was wir vorhaben.
„Wir wollen runter zum Markt, um da was zu essen“, antwortet Dylan und der Mann schüttelte sofort den Kopf. „Dort ist das Essen nicht frisch, die Sachen sind aufgetaut, nicht frisch! Da werdet ihr Bauchschmerzen bekommen.“ Er verzieht sein Gesicht und reibt sich den Bauch, als ob er Schmerzen hätte.
„Ich kenne ein besseres Restaurant, da drüben, kommt mit“, sagt er und will schon losmarschieren. Da wir aber bereits ein paar Abende zuvor an einem der unzähligen Essenständen gegessen haben, intervenieren wir.
„Nein, nein, wir wollen nicht viel Geld ausgeben. Wir wollen zum Markt, da ist es gut und günstig.“
„Günstig? Dann gehen wir besser zu Lukmaan. Da gibt es günstiges Essen.“
Lukmaan ist bereits nach den ersten paar Tagen zu unserer Stammkneipe geworden. Hier bekommt man für wenig Geld gutes lokales Essen und es hat den Vorteil, dass man am Buffet einfach mit dem Finger auf das zeigt, was man essen möchte. Ein toller Ort, aber heute Abend wollen wir was Anderes und halten, trotz den Wahrungen des alten Mannes, an unserem Plan fest. Als er merkte, dass wir unbedingt zum Markt wollten, lenkte er ein.

„Ok, dann zeige ich Euch die Stände, die frisches Essen kochen. Es gibt drei Stände, die sind gut. Alle anderen sind nicht gut. Let’s go!“

Fotobombed: Als wir Pao zum ersten Mal traffen, stand er plötzlich einfach im Bild.

Vertrauen aufs Bauchgefühl
Und schon marschiert er voraus, der betrunkene Mann, in schäbigen Kleider und alten Plastiksandalen, mit einem leicht wankenden Gang. Es sind diese Begegnungen von denen man als Reisender immer wieder gewarnt wird. Aber bevor wir überhaupt Zeit zum Nachdenken haben, laufen wir hinter dem bis anhin freundlichen Mann her. Unser Instinkt sagt uns, dass alles gut ist. Sobald wir zur Hauptstrasse kommen, hebt Pao warnend seine Hand. „Be careful. Be careful!“ ruft er und lotst uns sicher über die Strasse. Dann marschiert er zielstrebig über den Markt, schaut weder links noch rechts.

Ihm (und uns) folgen von überall her lachende Blicke, ausrufe aus Swahili, die wir nicht verstehen, dann laufen Kinder hinter ihm her, kneifen ihn in die Seite und rennen lachend davon. Während es uns irritiert wie er behandelt wird, bewegt er sich weiter zielstrebig durch die rollenden Augen und hämischen Grimassen hindurch und hält erst, als er vor einem der Stände steht, welcher laut seinen Angaben sicher für unsere Mägen ist.
Ich dachte gerade noch, dass er jetzt sehr wahrscheinlich vom Standbesitzer einen Batzen Geld erhalten wird, aber die Köche, die mit ihren ordentlich weissen Mützen dahinter stehen, behandelten ihn abschätzig und eher bedrohlich, während er nett bleibt und für uns noch einmal wiederholt, dass das Essen hier gut sei für uns „Mzungu“, Ausländer. Vourteil zwei zieht den Schwanz ein und duckt sich zwischen die Katzen, die unter dem Tisch sitzen und auf einen Happen Fisch hoffen, um sich dann beschämt davonzuschleichen.
Der Essensstand ist mit kleinen Kerosinlampen beleuchtet und wir wählen zwischen Tintenfische, Krebsen und Garnelen ein paar Hähnchenspiesse aus, lassen sie auf dem Grill heiss machen, dazu packen sie uns jedem eine Portion Pommes ein. Auch für Pao, den wir dazu überreden müssen auch etwas für sich auszuwählen.

Vorurteil widerlegt
Unser Freund weicht auch nicht von unserer Seite, als wir uns zum Essen an einen der Tische setzen. Er warte auf uns und werde uns dann nach Hause begleiten, kein Problem. Wir versicherten ihm, dass es nicht nötig sei. Er aber bleibt hartnäckig.
Dylan bestellt ein Dosengetränkt und der Kellner verlangt dafür 1’500 Shilling (rund 75 Rappen). Sofort beginnt Pao in seiner Landessprache auf den Kellner einzureden; lautstark und genervt. Dann übersetzt er, dass normalerweise ein Dosengetränk nur 1’000 Shilling kostet. „Eine Frechheit! Die bescheissen Euch, dies gefällt mir gar nicht.“ Es dauerte ein paar Sekunden und schon mischt sich ein gut gekleideter, runder Herr vom Nebentisch ein.
„Wir wollen Ordnung haben hier! Hier wird nicht so herumgeschrien“, sagt er und Pao duckte sich, sobald er die bestimmenden Worte vernimmt. Seine Körperhaltung drückte aus, dass er unmissverständlich der Unterlegene ist.
„Er ist ein Unruhestifter. Belästigt er Euch?“
„Nein, er ist mit uns da”, antworteten wir und fragen uns, wie gut es um die Ordnung bestellt ist, wenn wir von den reichen Restaurantbesitzer um den Preis beschissen werden, während sich ein Bettler für Gerechtigkeit einsetzt?
Pao wird während dessen immer wieder von Kindern begrabscht, die ihn als einzige Witzfigur sehen und auch andere Einheimische werfen offensichtlich abschätzige Kommentare und Witze nach ihm. Wir fragen warum sie dies tun und er antwortet sanft: „Kein Problem, sie sind meine Freunde. Wirklich!“

Wie er uns da gegenüber im Plastikstuhl sitzt, fallen seine Augen immer wieder zu.
„Du kannst nach Hause gehen und schlafen, wir finden den Weg zurück“, offerieren wir ihm mehrmals, doch er bleibt stur. Er werde uns sicher nach Hause bringen. Was er zum Schluss auch tut. Dies erst nachdem er uns erzählt hat, dass er früher als Touristenführer gearbeitet hat, nebst Englisch auch Deutsch, Spanisch und Italienisch spricht und jetzt im Alter von 50 Jahren leider zu viel Alkohol trinkt. Er zuckt mit den Achseln. „Ich habe eine Frau und fünf Kinder, wir können nachher bei meinem Sohn vorbeigehen. Er hat ein Taxi. Braucht ihr ein Taxi?“
Wir sind froh zu hören, dass er eine Familie hat, wie häufig er aber tatsächlich noch zu Hause vorbeischaut, bleibt sein Geheimnis. Dafür hat er uns einmal mehr daran erinnert, dass wir andere Menschen nicht nach ihrem Äusseren beurteilen sollten und dass Vorurteile einzig dazu existieren, widerlegt zu werden. Danke Mister Pao!

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Heiss Wasser!

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„Zkzkzkzkzk,“ das Geräusch eines Tasers sprang uns entgegen als wir die Türe öffneten. Ich sah Handgranaten, neben Pistolen und Messern. Die Frau hinter der Ladentheke lächelte mich entspannt an, während sie per Knopfdruck ausprobierte, ob die Geräte auch wirklich funktionieren. Es zischte erneut und ich wandte mich irritiert wieder dem Herrn zu, der uns ins Innere des Geschäftes geführt hatte und der nun unter dem Regal etwas hervor kramte. Wir waren in Südfrankreich und hatten spontan angehalten, als wir die Aluminiumkisten und Gefässe vor dem Laden erblickten. Für unsere Warmwasserdusche waren wir immer noch auf der Suche nach einem passenden Kanister. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, da der Wassertank, versehen mit zwei Heizröhren, in die Seitenbox von Foxy, unserem VW Bus, eingebaut werden sollte und somit maximal 20 cm breit sein sollte. Dylan will, dass sich das Wasser künftig während des Fahrens durch das Kühlwasser vom Motor aufheizt. Bis anhin hatten wir das Wasser zuerst auf unserem Gaskocher heiss machen und dann in einen Kanister einfüllen müssen, um zu duschen.

Häufig gefragt
„Ihr seht ja gar nicht aus, als würdet ihr im Bus wohnen,“ begrüsste uns eine Freundin vor ein paar Monaten, als wir vor ihrer Haustüre standen. „So sauber und frisch angezogen,“ beantworte sie unser Stirnrunzeln. Hygiene ist für uns auch im Bus selbstverständlich, für viele scheint es aber ein grosses Fragezeichen. Wie duscht ihr? Wo geht ihr aufs Klo?
Wenn wir unterwegs sind, dann gehen wir da aufs WC, wo alle anderen Reisenden auch: in Autobahnraststätten, Cafés, Restaurants. Sind wir irgendwo stationär, so wie neulich im ländlichen Spanien, wo die Temperaturen immer noch bei angenehmen 23 Grad liegen, dann geht es mit Schaufel bewaffnet so weit wie möglich in den Wald. Wichtigstes Gebot für uns ist es keine Spuren zu hinterlassen. Weder Abfall noch sonst was liegen zu lassen. Und Duschen tun wir in der Regel direkt hinter Foxy. Jeden Abend, immer warm und mit biologisch abbaubarem Duschmittel. Ist das Wetter zu kalt, leisten wir uns einen Eintritt in einen Sportkomplex, um dort zu duschen.

Mc Gyver in Aktion
Der Militärshop in Frankreich hatte tatsächlich einen 15 Liter Kanister, der in Foxys Seitenbox passt. Auf dem Weg weiter in den Süden hielten wir immer wieder nach Werkstätten Ausschau, die den Tank so modifizieren konnten, wie Dylan sich dies ausgedacht hatte. Wir stoppten in unzähligen „ferreterías“ – Eisenwarenhandlungen – und kauften weitere Teile dazu. Wir fanden überall helfende Menschen, die, wenn sie nicht hatten was wir suchten, einen Plan zeichneten, damit wir im nächsten Dorf weiter kamen mit unserem Heisswasser-Projekt. Schliesslich fanden wir sogar eine Schlosserei die Alu verarbeitet und innerhalb eines halben Tages zwei Röhren in den Tank einschweisste, damit diese fortan als Heizröhren dienen.
Foxy war, als wir in kauften, ein ganz normaler Passagier-Bus. Mittlerweile hat Dylan, ich nenne ihn bereits Mc Gyver, aus Foxy ein kleines Universum gebaut. Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen. Unter dem Bett sind 600 Liter Stauraum für Kleider, Küche und Arbeitsequipment, wir haben einen Kühlschrank, einen Backofen und mehr als 50 Liter Wasser. Seit neustem eben auch Heisswasser. Gestern hat Dylan die Röhren, die nun links und rechts aus dem Tank schauen, mit dem Kühlwassersystem von Foxy verbunden und den Tank eingebaut. Dann haben wir eine Testfahrt gemacht. 16 Kilometer reichen aus, damit das Wasser so heiss wird, um angenehm duschen zu können. Dazu spannen wir hinter Foxy unser (natürlich ebenfalls selbstgebautes) Zelt um die Heckklappe, stecken die kleine Pumpe, die mit der Kraft der Autobatterie Wasser durch den Duschkopf pumpt, in den Heisswassertank und voilà, schon ist der Zauber vollbracht. Heisses Wasser! Wir freuen uns darüber wie kleine Kinder über Geburtstagsgeschenke. Oder wie Dylan es heute Morgen beim Frühstück ausdrückte: „Wir haben vieles aufgegeben, aber es misst sich nicht mit dem Glück hier in der Sonne zu sitzen und dem Vogelgezwitscher zu lauschen.“