Sommerabend am See – Nordnorwegen

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Zuerst das spröde Knacken von trockenem Holz, wenig später brechen die Poren der Stöcke und Äste unter der Hitze des Feuers auf. Der Wind jagt die Flammen in alle Richtungen und auf dem eben noch flachen See entstehen nach und nach Wellen. Leise bewegen sie unter Wasser die Steine. Sie rollen aufeinander hin und her und singen so ein Lied für uns. Wir sitzen am Feuer und wärmen uns auf, kochen Tee und werden vom wilden Wind abwechselnd in Rauch gehüllt. Auf den Bergkuppen am anderen Seeufer, unweit von uns, liegt immer noch Schnee, die Tage bis zum Winter sind schnell gezählt. Sehr wahrscheinlich bleiben die weissen Flecken liegen. Harren aus, bis sie sich mit den neuen Schneekristallen wieder zu einer Fläche vereinen können, die wie eine samtene Decke den ganzen Berg überdecken wird. Dann werden auch die Wellen erstarren und der Wind wird über den zugefrorenen See fegen. Wie ein Schneebesen wird er die Fläche sauber halten, wird das spärliche Licht durchs Eis schimmern lassen.

Noch aber ist Sommer und der Himmel verdunkelt sich nicht. Bis heute habe ich immer nur daran gedacht, wie ermüdend es sein muss hier im nordischen Winter für so lange Zeit die Sonne nicht zu Gesicht zu bekommen, sich nicht an ihrer Energie auftanken zu können. Heute aber fragte ich mich, ob die Menschen hier oben im Sommer nicht auch die Sterne vermissen?

Ich vermisse die Sterne am Himmel, mit ihnen die Dunkelheit, die sie erleuchten lässt. Auch weil die nie endenden Tage und kurzen Dunkelphasen – Nacht wäre ein zu übertriebener Begriff – nicht genügend Zeit lassen uns von der Schönheit der überwältigenden Natur zu erholen. Der Schlaf ist leicht und die Träume sind häufig und wirr, als würden die Bergtrolle und Fjordzwerge sie vom Dach unseres Busses durch kleine Ritzen in unseren Schlaf streuen. Die unzusammenhängenden Stränge der Geschichten kommen daher, dass einige der Traumkörner in den Ritzen hängen bleiben. Vielleicht fallen sie in der nächsten Nacht herunter und verweben sich zu neue Geschichten.

Hier in Nordnorwegen hat es viel mehr Natur als Menschen. Die Weite, sie lässt Platz, nicht nur für Elche, Wölfe und Bäume. Sie lässt auch Platz für Trolle und Zwerge. Sie sind überall, man muss sie bloss sehen wollen. Schwieriger wird es mit den Menschen. Wir vermissen sie fast etwas. Denn da wo sie sind, ist normalerweis auch Fröhlichkeit, ist Freundschaft und Wärme. Jetzt wärmt die Tasse meine Hände, der Tee schmeckt rauchig, nach Feuer und Holz. „So wie früher,” sagt mein Mann. „So wie damals bei meiner Mutter.“ Wir sitzen am See und es überkommt uns das Gefühl, den ganzen See, die Berge alles für uns alleine zu haben.

Neulich dachten wir uns, dass wir in einer Bäckerei frühstücken sollten, um uns unter die Menschen zu mischen, Gespräche zu beginnen. Kaffee trinken würden ja sicherlich auch die Skandinavier. Als wir bestellt hatten, realisierten wir, dass kein einziger anderer Kunde in der Cafeteria sass. Morgens um 9 Uhr. Vielleicht ist es ja genau die Einsamkeit, die die Kultur hier oben ausmacht. Dann fuhren wir weiter, hinaus in den Wald, trafen Rentiere und Bäume. Und noch mehr Bäume. Dazwischen vereinzelte Häuser. Die Ortstafel meist grösser als die Ortschaft. Wie lebt es sich in der Einsamkeit? Warum lebt man hier Draussen, so weit weg von allem? Sind sie auch einsam die Nordländer? Oder brauchen sie das Alleinsein? Vielleicht finden wir mal noch einen, den wir dies fragen können.

Das Feuer ist aus. Die Augen sind müde und die Trolle klopfen bereits ungeduldig aufs Dach. Sie wollen ihre Arbeit verrichten. Wenn ich mich anstrenge, dann sehe ich den feinen Staub ihrer (oder meiner?) Träume bereits in der Luft tanzen. Er kitzelt mich in der Nase und lässt mich an anderen Seeufer, da wo der Fels in Wald übergeht, einen Elch erblicken. Oder ist es ein Einhorn? Die Vorstellung trägt mich in den Schlaf. Ich höre noch die tapsenden Füsse der Trolle. Sie entfernen sich fröhlich pfeifend, rutschen mit einem Jauchzen über die Frontscheibe hinunter, kullern durchs weiche Moos zurück in ihre Welt.

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