Irgendwo in Südschweden

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Von drinnen höre ich Schritte und noch bevor die Türe geöffnet wird, vernehme ich eine fröhliche Stimme. „Ja, ihr seid richtig hier!“, dann geht die Türe und mit ihr die Sonne auf. Ich erblicke eine kleine Frau mit grauen Haaren und einem umso grösseren Strahlen im Gesicht. Sie hat vor lauter Freude beide Arme erhoben, ruft „Välkommen!“ und umarmt mich bevor ich etwas Anderes tun kann als ihr entgegen zu lachen. Dylan fährt Foxy, unsere VW Bus, auf den Platz vor das kleine weisse Holzhaus und steigt aus. Auch er erhält dieselbe, herzliche Begrüssung von Brigitta. Mittlerweile ist Stanley im Türrahmen erschienen. Auch er heisst uns bei Ihnen in Hållanda herzlich willkommen. Wir sind in Südschweden, in einem winzig kleinen Dorf. Ein paar charmante Holzhäuser im Wald, mehr nicht. Gestern Abend hätten die Elche die Äpfel von ihren Bäumen gefressen, erzählt Brigitta beim Abendessen, welches wir einnehmen während sie Blaubeeren sortiert und einfriert. „Für den Winter, für Stanley.“
Ihr Mann, soviel haben wir bereits mitbekommen, hat es gerne etwas strukturiert. Jeden Abend geht er pünktlich um 20.30 Uhr zu Bett. Daher hatte sie uns gebeten doch möglichst nicht zu spät zu kommen, als wir am Vortag anriefen und uns ankündigten.

Es ist ungefähr viertel nach Acht, als Dylan nach den beiden alten Volvos fragt, die draussen in einem Schuppen stehen. Der eine sei seiner Frau, der andere, der leider gerade kaputt sei, sei seiner. Jahrgang 1983. Er habe ihn damals in England gekauft und damit sogar seine tote Mutter in ihre Heimat zurückgefahren. Wie er erzählt, merken wir, dass ihm das Auto viel bedeutet. „Er ist kaputt? Was ist das Problem damit?“
Wenig später verschwinden die beiden Männer nach draussen. Dylan will versuchen den Schaden zu beheben. Da Stanley das Auto in England gekauft hatte, findet er hier in Schweden kein passendes Ersatzteil, was ihm bereits seit ein paar Wochen Sorgen bereitet. Ich helfe Brigitta, trotz anfänglicher Wiederrede ihrerseits, Beeren zu sortieren. Als ich den ersten Eimer fertig habe, kommt sie in Fahrt: „Hier ist noch mehr Arbeit für dich“, lacht sie und stellt eine Schüssel voller Chruselbeeren vor mich hin.

Unterdessen kommt Stanley alle paar Minuten zurück in die Küche, seine Holzschuhe künden ihn immer bereits im Voraus an. „Dylan braucht Stahlwolle.“ „Dylan braucht Schrauben.“ Diesmal sucht er nach einem Verlängerungskabel und der Bormaschine. Brigitta und ich stehen am Fenster und beobachten die Männer, es ist schon fast zehn Uhr abends. Da wir im Norden sind aber immer noch hell. „Ich dachte Stanley geht immer um 8.30 zu Bett,“ sage ich und will fortfahren, da klopft sie mir kräftig auf den Arm und sagt: „Schau! Heute ist er überhaupt nicht müde. Heute ist er fit und jung! Schau, wie er sich freut!“ Und tatsächlich die Augen ihres Mannes lachen und der sechsundsiebzig Jährige hat einen so verschmitzten, fröhlichen Ausdruck, wie ein kleiner Junge, der gerade Fahrradfahrend gelernt hat.

„Stanley, ist das Auto wirklich geflickt?“ fragt Brigitta als die beiden Männer wieder in die Küche kommen und Dylan zum Händewaschen im Badezimmer verschwunden ist. Auf dem Tisch steht frisch gebrühter Tee. „Ja Darling! Er hat das Auto geflickt, kannst Du dir das vorstellen! Er hat unser Problem gelöst!“ So viel ehrliche Freude, so viel Zuneigung und Humor fliegt zwischen den beiden hin und her. Es ist bezaubernd sie zu beobachten. Dann wendet sich Brigitta wieder an uns. „Ich habe heute, bevor ihre gekommen seid, zu Stanley gesagt: Koch etwas für die beiden es könnte sein, dass sie Engel sind.“ Sie schüttelt den Kopf und sagt immer wieder „This is a miraaakle“ halb englisch, halb schwedisch. Wir sind berührt und beschwingt als wir an diesem Abend vor ihrem kleinen Holzhaus in Foxy unser Bett beziehen. Die Uhr zeigt 23:30.

Oft hat das Leben auf der Strasse solche unerwarteten Begegnungen bereit. Mein Mann hatte Brigitta vor sechs Jahren auf seiner Weltreise kennengelernt. Er war in Äthiopien und lag mit einer schlimmen Lebensmittelvergiftung im Bett. Die alte Frau, die ein paar Zimmer weiter wohnte, hatte die ganze Nacht seine Hand gehalten, als er sich vor Schmerzen gewunden hat. „Stundenlang habe ich damals für dich gebetet! Weißt du das noch?“ Er kann sich nur noch schemenhaft daran erinnern. „Aber ich war so dankbar, dass jemand da war! Zum Glück war es auf dieser Reise das einzige Mal, wo ich wirklich krank war. Kannst du dir das vorstellen? Dreieinhalb Jahre unterwegs und danach nie mehr krank!“ Brigittas fröhliche, aber ernst gemeinte Antwort darauf lässt keine Wiederrede zu: „Siehst du! Ich habe damals so viel für deine Gesundheit gebetet, dass es ganze drei Jahre gereicht hat!“

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